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UFA (United Female Artists)
Veröffentlicht am 20. April 2021
UFA – die erste weibliche Graffiti-Crew Deutschlands

     

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UFA (United Female Artists)
Veröffentlicht am 1. Dezember 2021
UFA – die erste weibliche Graffiti-Crew Deutschlands

Es ist jetzt 30 Jahre her, dass sich AZYRA, ZENDA, RONJA und GISMO in einem Haidhausener Café das erste Mal getroffen haben. Die vier jungen Frauen hatten einen gemeinsamen Wunsch – Wände mit Sprühdosen zu verschönern. Krista aka AZYRA und Nicki aka ZENDA hatten damit bereits Erfahrungen gesammelt. Denn die beiden gründeten 1989 die erste weibliche Sprühergruppe Deutschlands und nannten sich UFA (United Female Artists). Im Allgemeinen ist es unter Sprühern üblich, sich in Crews zu formieren. Zu diesem Zeitpunkt wussten sie jedoch noch nicht, dass sie sich damit auf von Männern beherrschtes Terrain begaben. Ein Jahr später erweiterte sich die Crew mit zwei weiteren Writerinnen: Julia aka RONJA und Petra aka GISMO.

UFA (United Female Artists)

Ronja, Gismo & Azyra am Heimeranplatz / 1991

UFA (United Female Artists)
UFA (United Female Artists)

Zenda in Aktion am Heimeranplatz / 1991

Hierarchien in der Graffitiszene

Die wenigen städtisch gestatteten Wände in München, wie z.B. am Heimeranplatz oder im Schlachthofviertel, waren hart umkämpfte Orte, um sein Graffiti hinterlassen zu können. Im Graffitijargon die Hall of Fame. Nicht allzu viel Platz für die damalige Graffitiszene in München und Umgebung. Die Lackschichten an den Wänden waren teilweise dicker, als die Gemäuer selbst. Nicht nur der geringe Platz, sondern auch die Hierarchie innerhalb der Graffitiszene, erschwerte es einem Sprühanfänger, sich auf legalen Wänden (und auf illegalen Wänden) verewigen zu können. Da gab es schon mal schmerzliche Erfahrungen für den Einen oder Anderen, der ein Bild mit schlechterer Qualität oder einem geringeren Ansehen innerhalb der Szene übermalte!

UFA Archivbild

„Hall of Fame“ Heimeranplatz München / 1991

Die Entstehungsphase der United Female Artists (UFA)

Man kann sich nun bildhaft vorstellen, dass es für die Neuankömmlinge Azyra und Zenda keine leichte Aufgabe war, sich in der männlich dominierten Szene zu etablieren. Die beiden lernten sich auf der Fachoberschule für Gestaltung in München kennen und merkten bald, dass sie gleichermaßen von Graffiti fasziniert waren. Sie beschlossen gemeinsam darüber ein Referat zu halten, wofür sie wochenlang Graffiti in und um München fotografierten und sich in das Graffiti-Lexikon von Prof. Peter Kreuzer vertieften. Zur Münchner Sprüherszene knüpften sie erstmals Kontakt, als sie dafür die erfahrenen Writer in Aktion beobachteten wollten – da war bei den Mädchen das Feuer vollends entfacht und sie wollten selbst aktiv werden.

Ausgerüstet mit Farbskizze und den Rucksack voller Sprühdosen machten sie sich auf einer legalen Fläche mit ihrem ersten Graffiti ans Werk. Ihre anfängliche Begeisterung wurde jedoch schnell getrübt, denn am nächsten Tag schon war ihr erstes Kunstwerk von anderen Sprühern gecrosst und somit zerstört worden. Sie nahmen es vorerst nicht ernst und sprühten ein weiteres Motiv. Als in den nächsten Tagen dann zusätzlich sexistische Schmierereien über ihren Bildern zu lesen waren, wurde ihnen klar, dass es nicht ihre Graffiti waren, die für Unmut sorgten, sondern schlichtweg die Tatsache, dass sie sich als Frauen auf deren Territorium bewegten.

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Die UFA-Crew Zenda & Acyra beim Sprühen

Die ersten Sprühversuche nachts auf einer Baustelle

Für Julia aka RONJA und Petra aka GISMO, war das alles noch ein unbeschriebenes Blatt. Sie kannten sich aus der Schule und hatten dort die ersten Berührungen mit Graffiti, als Schulkameraden von ihren neuesten Sprühaktionen erzählten. Wie gerne wären sie dabei gewesen! Die Jungs blieben jedoch lieber unter sich, und auf eine Einladung zum Mitkommen warteten sie vergeblich.

Das erste gemeinsame Graffiti von RONJA und GISMO entstand auf einer Leinwand, das ihnen ein gemeinsamer Bekannter in Auftrag gegeben hatte. Als Entlohnung gab es Sprühdosen und ein wenig Taschengeld obendrauf. Obwohl die beiden noch nie gesprüht hatten, nahmen sie den Auftrag an.

Viel zu sehr lockten die vielen Sprühdosen, die für ein weiteres gemeinsames Bild zum Einsatz kommen sollten. Um nicht völlig unvorbereitet zu sein, übten sie nachts zuvor heimlich auf einer benachbarten Baustelle. Das half jedoch nicht viel. Und die Umsetzung am nächsten Tag hatten sich die beiden doch etwas einfacher vorgestellt. Nach einigen missglückten Versuchen, Farbe ohne Drips auf die Leinwand zu sprühen, beendeten sie ihr (Kunst)-Werk mit der Leinwand auf dem Boden liegend. Der Farbauftrag war aber schon so vielschichtig, dass er kaum trocknete und als Behelfsmittel diente ein schwarzer XXL-Edding, mit dem hinterher die Outlines gezogen wurden. Trotz alledem zeigte sich der Auftraggeber zufrieden und die ersten eigenen Dosen wurden im Rucksack gebunkert.

UFA (United Female Artists)

Ronja & Gismo Schlachthof München / 1991

Die United Female Artists (UFA) bekamen Zuwachs

Prof. Peter Kreuzer, der damals aktiv die Graffiti-Szene in München unterstützte und die ersten beiden Sprüherinnen schon gut kannte, erfuhr von zwei weiteren und stellte den Kontakt zwischen den vier Mädchen her, damit sie sich kennenlernen konnten. Prof. Kreuzer gründete 1986 zusammen mit dem Lehrbeauftragten und Rechtsanwalt Konrad Kittl die Vereinigung EGU (Euro-Graffiti-Union), um den jungen Graffiti-Writern in München eine Plattform zu geben, legale Wandbilder zu malen, Auftragsarbeiten zu erhalten und diese neue Jugendkultur zu etablieren. Er veröffentlichte u.a. das Graffiti-Lexikon, bebildert mit vielen Fotos und dem ABC des Fachjargons der Graffiti-Szene, lehrte im Fachbereich Allgemeinwissenschaften an der Fachhochschule München und hielt dort Vorlesungen u.a. über Jugendkultur.

Nach einem ersten telefonischen Kontakt verabredeten sich die vier jungen Frauen in einem Café in Haidhausen und tauschten ihre bisherigen Erfahrungen und Fotos ihrer Bilder aus. Sie verstanden sich auf Anhieb und beschlossen, zukünftig gemeinsam Graffiti auf die Wand zu bringen. RONJA und GISMO wurden in die Crew von ZENDA und AZYRA aufgenommen. Jetzt wurde die UFA-Crew um zwei weitere Mitglieder bereichert.

Zu wenig Platz für junge Kreative

Schnell stellte sich heraus, dass RONJA und GISMO sich auf Styles (Schriftzüge) konzentrierten, und AZYRA und ZENDA sich auf Characters (Figuren) spezialisierten. Unter der Woche wurde fleißig im Blackbook mit Skizzen vorgeplant, was am Wochenende gemeinsam mit der Sprühdose umgesetzt werden sollte. Nur auf welche legalen Flächen? Sie waren jetzt zu viert und brauchten mehr Platz für ihre Graffiti. Um gemeinsam illegal Wände zu bemalen oder Trains zu besprühen, waren sie zu mutlos und schlichtweg unerfahren und es fehlte zudem an nötigen Hintergrundinfos. Also spazierten sie abends zu den „Hall of Fames“, um nach geeigneten legalen Flächen Ausschau zu halten. Wenn sie Glück hatten, kamen vereinzelte Stellen in Frage – damit gaben sie sich fürs Erste zufrieden. Es sollte keinesfalls ein für die Szene wichtiges Bild übersprüht werden! Doch auch RONJA und GISMO machten die Erfahrung, dass sie bei den meisten Writern nicht willkommen waren.

UFA (United Female Artists)
UFA (United Female Artists)
Graffiti Archivbild
UFA (United Female Artists)

Die S-Bahn Haltestelle „Isartor“ war ein beliebter Ort der Writer, um besprühte Trains am Bahnsteig zu fotografieren.

Eigene Räumlichkeiten und echter Zusammenhalt

Das Blatt wendete sich für sie bei einem großen Projekt im Freizeitheim am Harthof. Dort durften Münchner Sprüher das Gelände mit ihren Graffiti verschönern. Unter anderem wurde dann auch die UFA-Crew dazu eingeladen.

Die Sozialarbeiterin des Freizeitheimes am Harthof, Gabriele Bachmeier, wurde somit auf die Sprüherinnen aufmerksam. Es interessierte sie, warum so wenige Mädchen bei diesem Projekt mitmachten. Sie erfuhr von den Konflikten mit den Sprühern und die fehlenden Akzeptanz der weiblichen Graffiti-Crew. Ein interessantes Phänomen für die engagierte Sozialpädagogin!

Da machte sie es sich zur Aufgabe, die vier Writerinnen zu unterstützen und damit zeitgleich interessierte Mädchen zu motivieren, selbst aktiv zu werden. Durch ihr Engagement wurden der UFA-Crew dann vorübergehend Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, in denen sie kreativ werden konnten. Sie kümmerte sich daraufhin, die Medien auf sie aufmerksam zu machen, um auf diesem Wege zusätzlich legale Wandflächen zu gewinnen. Folglich ergaben sich kreative Aufträge – unter anderem ein Graffiti-Event für ein Autohaus oder ein Auftrag in den Bavaria-Filmstudios die Kulisse in der TV-Serie „Marienhof“ mit einem Graffiti zu gestalten.

UFA (United Female Artists)

Azyra beim Sprühen am Harthof / München

UFA (United Female Artists)

UFA-Crew mit Gabriele Bachmeier im Harthof

Skizzen von Azyra, die sie zur Vorlage für Ihre Bilder zeichnete.

UFA (United Female Artists)

Ronja, Azyra und Zenda im Harthof / München

Zenda besprüht Leinwände für eine Ausstellung

Die United Female Artists (UFA) wurden salonfähig

Prompt wurde auch die lokale Presse auf die Sprüherinnen aufmerksam. Regionale Tageszeitungen interessierten sich für die erste weibliche Graffiti-Crew Deutschlands und Radiosender luden die vier zu Interviews ein. Auch bei TV-Auftritten, wie beispielsweise bei „Live aus dem Schlachthof“ war das Team zu sehen. Dadurch gelangten sie rasch an erlaubte Flächen und waren nicht mehr auf die Akzeptanz der Writerszene oder die begrenzten legalen Flächen der Hall of Fame angewiesen. Mit der Zeit entstand ein buntes Portfolio an Graffitibildern – sogar über die bayrischen Landesgrenzen hinaus.

Um Streetart der Öffentlichkeit näher zu bringen, hielten sie Graffiti-Workshops in Freitzeiteinrichtungen ab und wurden damit auch für Events engagiert. Die erste weibliche Graffiti-Crew Deutschlands wurde sogar zum Studienobjekt zweier Studentinnen, die diese Thematik in ihrer Seminararbeit mit dem Titel „Soziale Rebellen“ untersuchten. In der Abschlussarbeit des Seminars „Jugendkultur“, das Prof. Peter Kreuzer an der Fachhochschule München lehrte, wurden sie überdies zum Gegenstand einer Prüfungsfrage.

Die ersten Anfeindungen der Graffitiszene relativierten sich allmählich und die vier Writerinnen etablierten sich sukzessive in der Szene. Es entstanden alsbald Freundschaften und auch gemeinsame Murals mit anderen Writern. Viele kreative Aktionen mit Sprühern in Deutschland und im Ausland sollten folgen.

Kreativität begleitet die UFA-Crew noch heute

Durch den Zusammenhalt und die Courage der vier jungen Frauen haben sie einen Teil zu dieser Subkultur beigetragen. Von 1989 – 1993 waren sie zusammen als UFA – United Female Artists aktiv. Später konzentrierten sie sich auf eigene kreativen Projekte und beruflichen Werdegänge.

Alle vier sind der Kunst, bzw. der Gestaltung treu geblieben. Julia Bruns studierte an der Blocherer Schule Innenarchitektur, setzte ihr Studium an der Glasgow School of Art fort und arbeitet heute als Innenarchitektin. Nicki Helou, Krista Glass und Petra Schindel fokussierten sich auf ihr Studium und absolvierten ihren Abschluss auf der Meisterschule für Mode & Design München. Petra führt heute eine Kreativwerkstatt im Bereich Marketing. Krista leitet eine Kunstgalerie und arbeitet als freie Kreative. Und Nicki ist als Illustratorin und Grafikdesignerin tätig.

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